WAS HAT EINE COLLAGE MIT POLITIK ZU TUN? Die Ausstellung „Krieg und Konfitüre: George Grosz × Daniel Richter“ im Gustav-Lübcke-Museum präsentiert erstmals über 180 Werke der beiden Künstler in einen systematischen Dialog. Die schonungslosen Gesell- schaftsanalysen von George Grosz (1893–1959) treffen auf die bildgewaltigen und vieldeutigen Arbeiten Daniel Richters (*1962). Die Collage nimmt dabei eine besondere Stellung ein: In ihr wird deutlich, wie beide Künstler die Bildwelten ihrer Zeit aufgreifen, verändern und neu zusammensetzen. dem Berliner Dadaismus ver- bunden. Nach dem Ersten Welt- krieg wurde Dada zu einem radikalen künstlerischen und politischen Experimentierfeld. Sowohl George Grosz als auch Daniel Richter nut- zen das Prinzip der Col- lage, um Wirklichkeit auseinan- derzunehmen, neu zusammen- zusetzen und dabei genauer hin- zusehen. Zeitungsausschnitte, Fotografien, Zeichnungen, Wer- bung oder historische Bilder werden aus ihrem ursprüng- lichen Zusammenhang gelöst und treffen auf etwas scheinbar völlig anderes. Aus diesen Brü- chen entstehen neue Zusam- menhänge – manchmal unmit- telbar verständlich, manchmal rätselhaft, oft widersprüchlich oder verstörend. DIE COLLAGE BEI GEORGE GROSZ Bei Grosz ist die Collage eng mit 26 tungsausschnitte, Fotografien, historische Darstellungen, Co- mics und Fundstücke aus der Populärkultur treffen aufeinan- der. Richter greift dabei Themen und Ereignisse auf, die ihn beschäftigen, ohne daraus ein- fach verständliche politische Botschaften zu formulieren. Gerade darin unterscheidet sich seine Herangehensweise von der von Grosz. Während Grosz die Collage häufig als scharfe, agitatorische Waffe einsetzte, zeigt Richter die Überforderung durch die Bilder und Informati- onen unserer Gegenwart. Seine Collagen führen nicht zu der einen Wahrheit. Sie verunsi- chern, stellen Zusammenhänge her und lösen sie zugleich wieder auf. Damit wird die Collage bei beiden Künstlern zu einer Methode der kritischen Aus- einandersetzung. Sie zeigt eine Wirklichkeit, die selbst frag- mentiert ist: Zwischen Krieg und Alltag, Gewalt und Ge- wöhnlichkeit, Angst und Hoff- nung. Der Titel der Ausstellung „Krieg und Konfitüre“ bringt dieses Nebeneinander auf den Punkt. Denn politische Krisen finden nicht außerhalb unseres Lebens statt. Sie erreichen uns täglich – auf Frühstückstischen, in der Werbung, unserem Kon- sum, dem Drang nach Unter- haltung und in unseren privaten Lebenswelten. I DIE AUSSTELLUNG „Krieg und Konfitüre: George Grosz x Daniel Richter“ führt auf rund 800 Quadratmetern zwei der bedeutendsten deut- schen Künstler in einen ebenso überraschenden wie eindring- lichen Dialog und bietet ein Panorama, das inhaltlich dicht und ästhetisch überwältigend die Freude an der Kunst zeleb- riert. Dabei verliert sie nie- mals die gesellschaftlichen Konflikte und menschlichen Abgründe aus dem Blick. Noch bis zum 21. Februar 2027 ist die Sonderausstellung im Gustav-Lübcke-Museum zu sehen. Gemeinsam mit Künstler:innen wie John Heartfield oder Han- nah Höch griff Grosz auf Tech- niken der Montage und Ver- fremdung zurück. Fotografien, Zeitungsausschnitte und Zeich- nungen wurden kombiniert, um die gesellschaftlichen Ver- hältnisse der Weimarer Repu- blik zu kommentieren. Humor und Groteske, die dadaistische Lust an der Provokation gingen dabei mit scharfer politischer Kritik einher. Grosz zerlegte seine Wirk- lichkeit buchstäblich in ihre Bestandteile. Das hatte Me- thode: Eine Gesellschaft, die selbst aus widersprüchlichen und brüchigen Teilen bestand, ließ sich auch nicht länger mit einer scheinbar geschlossenen, harmonischen Bildwelt dar- stellen. Schrift und Bild prallen aufeinander, scheinbar harm- lose Details erhalten eine neue Bedeutung. Die Collage wird so zu einer Form der politischen Intervention. DIE COLLAGE BEI DANIEL RICHTER Auch Daniel Richter arbeitet mit dieser Strategie der Fragmentie- rung. Neben seinem vor allem durch Malerei geprägten Werk entstehen seit vielen Jahren poli- tische Collagen, die häufig aus der aktuellen Nachrichten- und Bilderwelt hervorgehen. Zei-